Ein Beitrag von Vikar Andreas Hoenemann

Aufwachen und Aufstehen – Das sind bei mir zwei verschiedene Paar Schuh. Es kann eine ganze Weile dauern, bis ich meinen trägen Körper aus dem Bett bequeme. Einen kräftigen Schub in diesem allmorgendlichen Prozess gibt mir meine innere To-Do Liste, die mir die notwendigen Erledigungen des Tages aufzeigt. Bevor ich mich schließlich an die Arbeit mache, nehme ich mir ein wenig Zeit, um im Gebet und im Bibellesen bewusst mit Gott in den Tag zu starten. Doch in letzter Zeit fiel es mir immer schwerer, vor Gott zur Ruhe zukommen. Während dieser Zeit drehten sich nämlich viele Gedanken und Gefühle um Aufgaben und Sorgen des Alltags. Im weiteren Verlauf schoss mir zusätzlich all möglicher Nonsens durch den Kopf. Dementsprechend frustriert war ich am Ende, weil sich die Stille Zeit ziemlich vergeudet anfühlte. Denn durch die Zerstreutheit meines Herzen leierte ich letztlich die Gebete lustlos und kalt herunter.

Diese Zerstreutheit des Herzen macht nach Luther die ganze Zeit mit Gott madig, denn durch die Zerstreutheit des Herzens bleiben wir im Gebet bei uns selber und treten nicht in Kontakt mit Gott. In einem Brief an den Barbier Peter Beskendorf schreibt er, was einem im Angesicht dieser Zerstreutheit eine Hilfe sein kann. Um die Gedanken und Gefühle des eigenen Herzens auf Gott ausrichten, muss zunächst das Herz „erwärmt“ werden. Erst wenn das Herz erwärmt ist, können wir offen und aufrichtig vor Gott uns aussprechen. Nun fragt man sich, wie sieht ein solches „Erwärmen“ des Herzens aus? Eine Möglichkeit, das Herz zu erwärmen, besteht nach Luther in der Bibelmeditation, d.h. ich nehme mir einen Bibelvers und sinne über ihn eine Zeitlang nach. Und wie sieht wiederum dieses Nachsinnen über einen Bibelvers aus? Auch hier gibt uns Luther eine klarer Anleitung. Er verdeutlicht die Bibelmeditation an dem Bild eines Kranzes. Wenn ich einen Kranz drehe, gilt meine ungeteilte Aufmerksamkeit dieser Aufgabe. Ich nehme einen biegsamen Ast und drehe ihn zu einem Kreis. Danach flechte ich weitere Äste in das Grundgerüst mit hinein. Diese Vorgehensweise überträgt Luther auf das Nachsinnen eines Bibelverses. Wir sollen einen Vers sinnbildlich zu einem „vierfachen Kränzlein“ drehen, d.h. wir sollen einen Vers aus viererlei Weisen betrachten.

Bevor wir aber den Vers aus viererlei Weisen betrachten, sollen wir den Bibelvers für uns verinnerlichen, indem wir ihn mehrmals durchlesen. Danach beginnen wir unser „vierfaches Kränzlein“ zu drehen. Als Erstes betrachten wir den Vers als „Lehrbüchlein“, um in eigenen Worten eine Antwort für uns auf die Frage zu entdecken: „Was habe ich nach der Aussage des Textes zu glauben oder zu tun?“ Als Zweites betrachten wir den Vers als „Dankbüchlein“, indem wir uns die Frage stellen: „Wie kann ich Gott aufgrund des Textes loben und danken?“ Beim dritten Durchlauf sehen wir im Vers ein „Beichtbüchlein“, dass uns auffordert, uns selbst zu fragen: „Was kann ich aufgrund des Textes Gott gegenüber bekennen?“ Und zuletzt nähern wir uns dem Vers als ein „Betbüchlein“ an: „Worum kann ich Gott in Anbetracht des Verses bitten?“

Dieses Nachsinnen über Gottes Wort kann unser Herz erwärmen, sodass unsere Gefühle und Gedanken auf Gott ausgerichtet sind. Die Bibelmeditation zwingt uns zudem dazu, von dem bloßen Wissen zur Praxis überzugehen und uns zu fragen, was diese biblische Wahrheit, die wir da lesen, mit uns machen will, für was wir Gott danken sollen, wo wir uns ändern müssen, was für Schritte wir in unserem Alltag tun sollen.

Ich lade euch ein, dieses „vierfache Kränzlein“ für sich vor dem Einschlafen einmal auszuprobieren. Nehmt euch dafür zum Beispiel den Bibelvers der heutigen Losung oder eines der zehn Gebote und geht an ihm die einzelnen Schritte des „Vierfachen Kränzlein“ entlang, bevor ihr abschließend im freien Gebet Gott erzählt, was am Tag gewesen ist und was euch bewegt hat.

Ein Beitrag von Vikar Andreas Hoenemann

Nachdem ich mich von meinem Patenonkel verabschiedet hatte, wartete ich vor dem Fahrstuhl. Von der Seite hörte ich eine zierliche Stimme „Hallo“ rufen. Ich schaute nach links und sah wie eine ältere Dame langsam mir tippelnd den langen Flur entgegen schritt und schließlich keuchend ihren Gruß wiederholte, woraufhin auch ich sie grüßte. Während sie mir näher kam, sprach sie: „Ich bin ganz außer mir!“ Was meinte sie? War ihr etwas zugestoßen? Als sie schließlich neben mir stand, sah ich ihre gläsernen Augen. In einem trägen Ton fragte sie mich: „Guten Tag, mit wem habe ich das Vergnügen?“ Daraufhin stellte ich mich ihr gegenüber vor. Sie hielt kurz inne und seufzte anschließend: „Was geht hier vor sich!“ Ich war verdattert: „ Entschuldigung, ich verstehe nicht? Was meinen sie?“ „Hier bei mir und bei dieser Umgebung?“ meldete sie mir zurück. Die Frau schien verwirrt zu sein. So sagte ich ihr, was sie eigentlich selbst wissen sollte: „Sie sind hier im Alten- und Pflegeheim der Diakonie!“ Sie bekam große Augen und wiederholte langsam meine letzten Worte: „Alten- und Pflegeheim?“ Diese Information schien sie zu erschüttern, sodass sie fortfuhr: „Was mach ich hier denn bloß? Darauf kann ich verzichten. Ich gehe jetzt gleich nach Hause.“ Ich sah sie verdutzt an und wusste nicht, was ich ihr entgegnen sollte. Schließlich senkte Sie ihren Kopf und schlürfte aufgewühlt und flüsternd den Flur weiter aufwärts. Verwirrt blieb ich wartend von dem Fahrstuhl zurück.

Tatsächlich habe ich diese Geschichte erfunden, und dennoch ist sie so nah an der Realität dran, dass ich jederzeit in eine ähnliche Situation hineingeraten könnte. Wie gut, wenn man sich im Vorhinein ein paar Gedanken dazu gemacht hat. So bin ich dankbar, in der vergangenen Woche im Predigerseminar eine Einheit über das Thema „Umgang mit Demenzerkrankten“ gehabt zu haben. Sonst würde ich wahrscheinlich genauso verwirrt reagieren, wie ich es in der fiktiven Szene darstellt habe.

Mit Demenz verbindet man insbesondere die Beeinträchtigung von kognitiven Fähigkeiten. So kann es wie im Beispiel unter anderem zu einer zeitlichen, örtlichen, situativen und personellen Desorientierung kommen. Während die kognitive Fähigkeiten nachlassen, bleibt die Gefühlswelt in der Demenz nahezu unbeeinträchtigt erhalten.

Durch die kognitive Verzerrung der Wirklichkeit verspüren die Demenzerkrankten in vielen Momenten ein Unsicherheitsgefühl und Stress. Falls Sie sich mit ihren verzerrten Wahrnehmungen anderen anvertrauen, erscheint es naheliegend, dass man sie in ihrer Wahrnehmung korrigiert. Allerdings fühlen sich Demenzerkrankte in Zuge von Korrektur nicht verstanden, sodass ihr Selbstwertgefühl abnimmt und sie sich innerlich immer stärker zurückziehen.

Stattdessen wird im Umgang mit Demenzerkrankten auf die Methode der Validation nach Noami Feil verwiesen. Dieser Ansatz rückt in den Mittelpunkt eine wertschätzende Haltung gegenüber dem Demenzerkrankten, die darin besteht, dass ich mich auf den Gedankengang des Demenzerkrankten einlasse, ohne zu korrigieren. Durch die wertschätzende Haltung, die der Demenzerkrankte erfährt, fühlt er sich verstanden, sodass im vertrauten Verhältnis der innerliche Stress und die Unsicherheitsgefühle abnehmen und gemeinsam der dahinterstehenden emotionalen Befindlichkeit nachgegangen werden kann.

Um diese wertschätzende Haltung dem Demenzerkrankten zu zeigen, sind folgende verbale und nonverbale Regeln hilfreich. Wichtige nonverbale Regeln, um wirklich in Kontakt mit dem Gegenüber zu treten, sind: Ich nehme wirklich Augenkontakt auf und lasse meine Anwesenheit spürbar werden, indem ich seine Hand ergreife oder die eigene Hand auf seine Schulte lege. Verbal ist es wichtig, den Demenzerkrankten im ruhigen Ton anzureden, einfache Sätze zu sprechen, seine Worte zu spiegeln und durch offene Fragen die Gefühlslage der Person zu begleiten.

Dies alles kann helfen, den Menschen in seiner emotionalen Aufgewühltheit zu beruhigen, indem man Verständnis und Sicherheit dem Gegenüber gibt.

Falls ich also jemals mit der Frau vom Anfang zusammentreffen sollte, so hoffe ich sehr, dass sie bei mir keine Verwirrung, sondern vielmehr eine wertschätzende Haltung verspüren kann.

Es war einmal…so beginnen Märchen und oft in Corona-Zeit mein Arbeitsalltag. Kaum durchdacht, geplant und schon wieder wird alles zunichte gemacht, so wie die Aktion: Laterne basteln mit anschließendem Umzug. Alles war vorbereitet. Alle freuten sich, die Kinder, die Mitarbeiter und auch ich auf ein wenig Normalität, auf ein wenig gemeinsame Zeit, um miteinander zu reden und zu lachen, wenn auch nur in 10er Bezugsgruppen, aber egal, Hauptsache es geschieht etwas, es geht voran. Und dann – es war einmal. Die Gemeindehäuser bleiben geschlossen und die Aktion wird abgesagt. Trauerstimmung? Frust? Von wegen, nicht mit uns. Auch wenn wieder einmal alles anders ist, es geht weiter. Eine neue Idee wird entwickelt, eine „Laterne to go“. Material zum Laternenbau, ein Trinkpäckchen und eine Brezel zur Stärkung, hübsch verpackt in geschenkten Edeka-Tüten und alles zum Mitnehmen, eben „to go“. Und dann war es soweit. Kleine, große, junge und ältere Kinder, Väter, Mütter, Eltern, sie haben sich auf den Weg zum Gemeindehaus der Christuskirche gemacht, um die gepackten Tüten im Empfang zu nehmen, meist mit einem Lächeln, einen Dankeschön oder einem freudigen Winken beim Gehen. 27 Kinder hatten Lust auf „ihre“ Laterne und als wir Mitarbeiter uns endlich auf den Weg nach Hause machten, trafen die ersten Bilder der gebastelten Laternen ein, wie schön! Ja, es war wieder einmal alles anders, aber nicht schlechter. 

Gemeindepädagogin Kerstin Sensenschmidt

Gestern zwei Termine. Beim Hausarzt, der jährliche Gesundheitscheck ab 50. Beim Frisör, es war mal wieder Zeit. Man kommt ins Plaudern. Der Mediziner ist skeptisch, ob der sogenannte Teillockdown Sinn macht. Ich werde hellhörig. Medzinisch, wissenschaftlich gebildet, dann ein Bekenntnis. Es muss irgendwas geben. Einen Gott. Der Mensch stößt an Grenzen. Gott ist grenzenlos. Aber das wäre ja mein Metier, so der Arzt. Er beobachtet eine Überheblichkeit der Menschen. Sich dem Tod irgendwie mit einer Illusion entziehen zu können. Danach zu Haarkosmetik. Eine ältere Frau aus der Gemeinde sitzt unter der Haube. Blättert in einer typischen Frisörzeitung für Damen. Bemerkt mich nicht. Wie auch hinter der Maske. Der Frisör, ein junger Mann, beschreibt die Zurückhaltung der Menschen. Abgesagte Termine. Kaum noch neue Termine. So fliegen seine Hände, nach einer ausführlichen Schnittberatung, über meinen Kopf. Einen nahen Verwandten hat er durch Covid 19 an den Tod verloren. Ansonsten ist er auf der Gedankenlinie meines Hausarztes. Vieles an Entscheidungen ist nicht logisch. Seine Beschreibung geht in Richtung politischen Aktionismus, gepaart mit Angst und Panik. Bei beiden Männern höre ich die Fragen, die Zweifel, den Frust und Ärger heraus. Mit beiden bleibe ich im Austausch. Als Pfarrer, als Mensch, als Patient und Mann mit einer gesunden Eitelkeit. Ich merke, dass diese Zeiten extreme Herausforderungen mit sich bringen. Gott sei Dank sind wir damit nicht alleine!

Ein Beitrag von Vikar Andreas Hoenemann

Zu meiner Ausbildung zum Pfarrer gehören nicht nur die Praxisphasen innerhalb der Gemeinde, sondern auch Theoriephasen im Predigerseminar, in denen ich die Praxis reflektieren kann. Meine letzte Seminarwoche drehte sich um den Bereich „Gemeindepädagogik“. In ihr wurde selbstverständlich auch das Thema „Kindergottesdienst“ angeschnitten, bei welchem mich insbesondere die Einheit zu „Erzählmethoden“ begeisterte. Es ist schon erstaunlich auf wie viele einfache Arten und Weisen man Geschichten veranschaulichen kann: Erzählen mit Körperbewegungen, Bauklötzen, Kerzen, Handpuppen, Fußsohlen, Sprechzeichen usw. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Landläufige Meinungen würden wahrscheinlich sagen: „Noch ein bisschen Praxisübung und das Zertifikat zum Märchenonkel ist dir sicher. Die Kinder wird es freuen!“ Geschichten werden in unserer Gesellschaft oft belächelt und aus meiner Sicht unterschätzt. Sie seien Kindersache, da sie vor allem der Unterhaltung dienen und nur einfache Prinzipien vermitteln würden. Und darum sei derjenige, der sie erzählt, der nette Märchenonkel. Aber stimmt das eigentlich?

Wenn wir in Bibel schauen, erkennen wir, dass Jesus Geschichten einen hohen Stellenwert einräumt. Geschichten sind nach ihm nicht nur etwas für Kinder, sondern auch für Erwachsene. So beantwortet Jesus viele Fragen, die ihm gestellt werden, mithilfe einer Geschichte. Zum Beispiel kam einmal ein Gesetzeslehrer auf Jesus zu und wollte wissen, wer sein Mitmensch sei, den er nach dem höchsten Gebot, zu lieben habe. M.a.W.: Wem soll er sich mit seiner Zeit und Kraft zuwenden?“ Diese Frage hätte Jesus mit einem kurzen, abstrakten Prinzip entgegnen können: „Schenke dem Menschen deine Zeit und Kraft, die deine Zeit und Kraft brauchen.“ Ich vermute dieses Prinzip hätte dem Gesetzeslehrer eingeleuchtet und er hätte es für „wahr“ erachtet. Allerdings würde dies noch lange nicht heißen, dass das Prinzip für ihn auch „real“ ist, sodass er nach diesem Prinzip lebt. D.h. man kann Sätze und Lehren des christlichen Glaubens bejahen, ohne dadurch in seinem Leben verändert zu werden. Schlichtweg sind in diesem Fall diese Sätze und Lehren nicht in „Fleisch und Blut“ eingedrungen.

Und an dieser Stelle gibt eine Geschichte gegenüber einem logischen Prinzip vielmehr her. Verfolgen wir hierfür die Spur von Jesus einmal weiter. Er klärt den Gesetzeslehrer also nicht anhand eines kurzen Prinzips auf, sondern mithilfe einer Geschichte. In der Geschichte geht es um einen Mann, der auf dem Weg nach Jericho von Räubern ausgeplündert, zusammengeschlagen und halbtot in den Bergen liegen gelassen wird. Derart zugerichtet, hofft der Mann auf Hilfe. Und tatsächlich seine Gebete werden erhöht, da kommt ein Priester zwischen der Felskluft hervor. Rettung ist nahe. Doch der Priester wendet sich nach einem flüchtigen Blick vom Verletzten wieder ab und zieht eilends weiter. Hilfe ade. Diese enttäuschte Hoffnung muss der Mann ein weiteres Mal durchleben, als ein Tempeldiener ihn ebenfalls sieht und anschließend so tut, als hätte er ihn nicht gesehen. So wird er hoffnungslos zurückgelassen. Daraufhin sieht er einen weiteren Schatten durch die Felskluft in seine Richtung kommend. Vielleicht ist mir jetzt Rettung nahe. Aber bei näherer Betrachtung erkennt er, dass es sich um einen Samaritaner, einer aus dem verhassten Nachbarvolk, handelt. Von dem hat er keine Hilfe zu erwarten. Doch es kommt anders! Der Samaritaner sieht den Verletzten nicht nur, sondern er wendet sich ihm zu, versorgt ihn vorsorglich und bringt den Mann zur nächsten Herberge, damit er dort wieder gesunden kann.

Inwiefern kann nun diese Geschichte von Jesus dem Gesetzeslehrer dazu verhelfen, dass das Prinzip: „Schenke dem Menschen deine Zeit und Kraft, die deine Zeit und Kraft brauchen“ ihm nicht nur „wahr“ sondern „real“ erscheint? Indem die Geschichte das Prinzip lebendig werden lässt. Der Gesetzeslehrer durchlebt die Situation der Hauptfigur. Er kann dessen Schmerz der Ohnmacht und verzweifelnde Sehnsucht nach Hilfe nachempfinden, da er diese Gefühlsregungen aus der eigenen Lebensbiographie kennt. Im Hören werden diese Gefühlsregungen wieder geweckt, sodass er nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen hört. Und dieses doppelte Hören kann das Prinzip „real“ werden lassen, sodass Veränderung im Leben einkehren kann. Eine Veränderung, die in verschiedenen Situationen nicht die ahnungslose Frage: „Wer ist mein Mitmensch?“, sondern mit Kopf und Herz die umsichtige Frage stellt: „Für wen kann ich zum Mitmenschen werden?“.

Nur mal eben eine Runde um den Block drehen. Eine Geburtstagskarte zum 50. einwerfen. Wie lang die Runde wird. Nicht in Kilometern, sondern in Begegnungen. Menschen auf der Straße. Kinder am Spielplatz. Jemand auf der Terasse. Aus dem PKW heraus mit heruntergekurbelter Scheibe. Seelsorge ganz anders. Unterwegs. To go. Ein Gespräch. Zuhören. Ein Mensch öffnet sich. Lange mit keinem mehr von Gesicht zu Gesicht gesprochen. Alles auf Abstand. Die Karte landet im Briefkasten. Rückweg antreten. Wieder Menschen sehen. Nicht ausweichen. Begegnung zwischen Pastor und einem „Schäfchen“. Das „Schäfchen“ gibt dem Pastor was mit auf den Weg. Kontrovers, nachdenklich, nach vorne schauen. Wie oft dreht Gott höchstpersönlich mal eben eine Runde um den Block? Wen er da alles trifft? Und sich dann auch Zeit nimmt. Wunderbar. Großartig an diesen heißen Tagen im Juni. Der Sommer kommt mit Riesenschritten.

Ein Beitrag von Vikar Andreas Hoenemann

Lässig kutschierte ich mein Fahrrad einhändig durch die enge Gasse einer Waldpassage, als plötzlich mir eine querliegende Wurzelader ein Bein stellte. „Schwups“ sauste ich über meinen Lenker, mit der Nase voran, in den Staub. Mir selber ging es gut, aber der hintere Fahrradreifen hatte einen Schlag abbekommen, sodass er nun eierte. Also ins Auto mit dem Patienten und ab zum FahrradDoc. Beim Vorbeifahren am Fahrradladen standen bereits einige Leute davor, die aber scheinbar auf den Bus warteten.
Denkste! Als ich mich mit meinem Fahrrad dem Geschäft näherte, bemerkte ich, dass es sich tatsächlich um die Schlange vor dem Geschäft handelte. Sieben Personen standen vor der Eingangstür. Nach 15 Minuten waren es immer noch sechs. Als ich schließlich fast an der Reihe war, da meinte einer des Zweier-Fahrradgespanns vor mir: „ Du guck mal! Für die Reparaturannahme unseres Fahrrades, steht hier auf der Eingangstür, müssen wir links um die Ecke.“ Und so dackelte ich den Beiden hinterher.
Mist, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich reihte mich also wieder einer fünfköpfigen Schlange an, nachdem ich bereits eine Stunde gewartet hatte. Am Schluss waren es insgesamt 2 ½ Stunden die ich mit Warten verbrachte. Allerdings mit dem Ergebnis, dass mein Rad wieder fahrtüchtig war.

Diese Geschichte ist ein banales und dennoch sinnbildliches Beispiel für die momentane Situation. Oft ist zur Zeit an vielen Stellen Geduld von uns gefordert, von denen wir es bisher nicht kannten. Kurzzeitige Geduld bei Einkäufen oder Reparaturen. Langzeitige Geduld in Hinsicht auf das Erleben von Familienfeiern, Gruppen und Veranstaltungen. Diese kurzund langzeitige Geduld verlangt von uns ein passives Abwarten, aber auch ein aktives Erwarten.

So müssen wir häufiger, wie in der Schlange vor dem Fahrradladen, zur Zeit die Füße stillhalten und warten bis sich vor uns ein Freiraum ergibt. Diesen Freiraum gilt es zu nutzen, um einen weiteren Schritt im Leben nach vorne zu gehen. In diesem Balanceakt zwischen passiven Abwarten und aktiven Erwarten braucht es einen guten Leiter. Dieser guter Leiter will Gott uns sein. Auf ihn gilt es geduldig so hören, um im Leben Schritte in die richtige Richtung zu setzen.

So heißt es im Hebräer 10,36: „Was ihr jetzt braucht, ist Geduld. Tut, was Gott will. Dann werdet ihr erhalten, was er versprochen hat.“

Darum möchte ich uns ermutigen, Gott für uns persönlich und für unsere Kirchengemeinde um diese Geduld zu bitten, damit wir einerseits in Besonnenheit abwarten und zugleich Freiräume für neue Lebensschritte erwarten.

Ein Beitrag von Gemeindepädagogin Kerstin Sensenschmidt

Ausschlafen, frühstücken, duschen, Zeit lassen, keine Eile, Gespanntsein, der erste Gottesdienst nach dem lockdown, wie wird er werden, Schlüssel und los, auf dem Kirchplatz, warten, Maske auf, Adresse eintragen, Desinfektion, jemand führt mich zum Platz, ungewohnt, seltsam und doch gut, Musik, kein Gesang, zuhören, Gebet und Segen, dann wieder geordnetes Hinausgehen, Smalltalk mit Abstand, Erinnerung: Eigentlich wäre heute Konfirmation, stattdessen, Besuch bei den Konfirmanden, kleiner Gruß, Karte und etwas Süßes, wir haben an euch gedacht, staunen, Verwunderung, Freude, Danke, wir bleiben in Kontakt, ein Lächeln von beiden Seiten, Überraschung gelungen, weiter, Geburtstagskarte in den Briefkasten, nach Hause, Telefonate, dann Kaffee in der Sonne, schön, Zeit zum Ausruhen, durchatmen, genießen, Gott sei Dank!

Die Sonne scheint. Der Mai ist in voller Blüte. Ein Stufenplan zur Rückkehr in eine „andere Normalität“ entsteht. Gestern Abend mit einem Brautpaar gesprochen. Der Traum einer kirchlichen Trauung wird verschoben. Mit Stufenplan. Hygienekonzepte, Mindestabstandsregeln halten in Atem.

Was ist noch normal? Maskierte in der Stadt erkenne ich erst auf den zweiten Blick. Als Brillenträger verlier ich bereits nach kurzer Zeit unter einer Maske den Durchblick. Immer 1,50 m Distanz. Aber innerlich such ich die Nähe. Ständig Hände waschen. Desinfektionsmittel sind allgegenwärtig.

Was denken Kinder? Ohne Balkon. Kein Garten. Genervte Eltern. Normal soll es endlich wieder in den Kitas und Schulen werden. Wie geht’s den Konfis? Die Normalität ihrer geplanten Konfirmationen im Wonnemonat Mai eine Illusion. Was tun? Wohin die Konfirmationen sinnvoll legen?

Was ist mit Bars, Clubs, Discotheken und Bordellbetrieben? Sie bleiben geschlossen – so die NRW Antwort auf diese überlebensnotwendigen Fragen. Existenzen sind bedroht. Das Nervenkostüm strapaziert. Dahinein ein Lichtblick. Planungen reizen. Projekte warten. Gemeinde entwickelt sich. Den Stufenplan schreibt ein anderer. Gott sei Dank!

Ab dem 11.Mai, ab dem 30.Mai, ab dem 20.Mai, ab Himmelfahrt – der Mai hält uns in Bewegung.

Wenn ich Urlaub habe, genieße ich das Gefühl von Freiheit. Und wie könnte dieses Gefühl von Freiheit besser einkehren, als auf einem Streifzug von Werdohl nach Minden mit dem Fahrrad?

Gemäß diesem Motto schnappte ich mir in den Osterferien meine zwei Fahrradtaschen und schwang mich in aller Früh auf den Sattel meines E-Bikes. Mithilfe eines doppelseitigen Din-A4 Routenplaners, auf dem Auffälligkeiten, Richtungswechsel, Name der neuen Straße und neue Zielrichtung notiert waren, bewegte ich mich Richtung Zielort. Natürlich blieben ein paar Schleifen nicht aus, weil manche Fahrradbeschilderungen verdreht waren oder ein Fluss zwei Richtungen besaß, aber alles in allem kam ich gut voran. Die klimatischen Rahmenbedingungen waren zudem perfekt: 21 Grad und Sonne. Und immer mit dabei das Gefühl von Freiheit: Das Zurücklassen von Anforderungen und Betriebsamkeit, das Eintauchen in die Hirnareale des Nichtdenkens, Wahrnehmen statt Beurteilen … schlichtweg einfach Sein. Grundlegend für dieses Gefühl von Freiheit ist für mich: Zeit, die ich geschenkt bekomme. Ich kann mir zwar Zeiträume freischaufeln, aber ein Gefühl von Freiheit stellt sich dadurch noch nicht ein, weil mir selbst dann immer wieder neue Sachen in den Sinn kommen, die für mich oder andere nützlich sein könnten. Nein, ein Gefühl von Freiheit kehrt erst dann bei mir ein, wenn jemand zu mir sagt: „Ich kümmere mich um deine Angelegenheiten.“ Vor allem wenn derjenige Gott ist. Dann kann ich beruhigt alle nützlichen Tätigkeiten einmal beiseite lassen, sodass eine Fahrt nach Minden nicht nur zweieinhalb Stunden dauern darf, sondern auch einmal dreizehn Stunden.